Die Yuga-Theorie von Sri YukteswarImmer wieder werde ich gefragt, ob die vedische Yuga-Beschreibung nicht falsch sei oder sogar auf eine Fälschung zurückgehe, wie Sri Yukteswar, der Guru von Paramahansa Yogananda, gesagt habe. Auf diese Frage gehe ich in der neu überarbeiteten Fassung von Gott und die Götter ein. Hier der entsprechende Textauszug: Einige neohinduistische und esoterische Kreise lehnen heute die vedische Yuga-Beschreibung ab, indem sie sich auf eine einzige Quelle berufen: Das Buch Die heilige Wissenschaft von Sri Yukteswar (1855–1936). In der Einleitung zu diesem Buch schreibt Sri Yukteswar, die vedischen Yuga-Zahlen gingen auf Textverfälschungen zurück, und er präsentiert als angeblich richtige Erklärung eine astrologische Theorie: Die vier Yugas bezögen sich auf den siderischen Sonnenzyklus von „24’000 Jahren“, wobei ein Ablauf von vier Yugas der Hälfte des Sonnenzyklus entspreche; der Ablauf dieser Viererzyklen sei Satya, Treta, Dvapara, Kali, Kali, Dvapara, Treta, Satya (und nicht Satya, Treta, Dvapara, Kali, Satya, Treta, Dvapara, Kali, wie die vedischen Lehren sagen). In diesem Buch, das er 1894 schrieb, betonte er (S. 11), daß sich die Welt gemäß seiner Theorie „gegenwärtig im Dwapara-Yuga befindet und daß jetzt – 1894 A. D. – bereits 194 Jahre dieses Yuga, das die Entwicklung aller menschlichen Wissensgebiete vorantreiben wird, vergangen sind“. Damals, kurz vor dem Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert, wurde von vielen Seiten ein baldiges besseres Zeitalter erwartet. 1882 hatte die Theosophische Gesellschaft ihren Hauptsitz nach Indien verlegt. Die Gründerin, Helena Blavatsky (1831-1891), anerkannte zwar explizit die vedischen Yuga-Angaben und wußte, daß gemäß den vedischen Schriften in der Zeit um 5000 Jahre nach Kali-Yuga-Beginn das dunkle Zeitalter in ein lichtvolles übergehen werde. In theosophischen Kreisen meinte man daher, der „Lichtbringer“ (Luzifer) sei der wahre Gott, und dank des Erscheinens der Theosophischen Gesellschaft habe nun die Wendezeit begonnen, die im baldigen Auftreten des neuen Weltenlehrers gipfeln werde. Noch extremer war die astrologische Theorie von Sri Yukteswar, der als einziger die Meinung vertrat, die vedischen Yuga-Angaben seien falsch und eine Fälschung. Standen diese Ansichten damals unter dem Einfluß der bevorstehenden Jahrhundertwende? Das Ende des 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts sah tatsächlich wie ein epochaler Übergang aus. Doch wie die Geschichte zeigte, erfüllten sich all diese positiven Hoffnungen nicht. Im Gegenteil: Das 20. Jahrhundert mit seinen Weltkriegen und vielen anderen Kriegen wurde zum blutigsten Jahrhundert der Menschheitsgeschichte. Wenn jemand nun behauptet, diese Verschärfung der Situation sei auf die Übergangszeit vom Kali- zum Dvapara-Yuga zurückzuführen, so läßt sich dies nicht aufrecht erhalten, denn Sri Yukteswar schrieb eindeutig: „Im Jahre 1899, wenn die 200-Jahres-Periode des Dwapara-Sandhi oder der Übergangszeit vollendet ist, wird das eigentliche 2000 Jahre währende Dwapara-Yuga beginnen.“ (S. 17) Das 20. Jahrhundert entsprach jedoch in keiner Weise den Dvapara-Yuga-Beschreibungen (weder den vedischen noch denen, die Sri Yukteswar gab), sondern den prophezeiten Kali-Yuga-Zuständen. Sowieso dauert ein siderischer Zyklus nicht 24’000 Jahre, sondern fast 26’000 Jahre (12 Zodiak-Zeitalter à rund 2150 Jahre), wodurch Sri Yukteswars historische Yuga-Zuweisung in sich zusammenbricht, denn dieser Unterschied bringt für den zweiten Viererzyklus eine Verschiebung von drei- bis viertausend Jahren nach sich. Sri Yukteswar beklagt in der Einleitung zu seinem Buch, daß bei einem 432’000 Jahre dauernden Kali-Yuga jetzt erst 5000 Jahre vergangen wären und daß uns also noch 427’000 Jahre eines Kali-Yugas bevorstünden. Wie aus den Zitaten im vorliegenden Buch hervorgeht, sagen die vedischen Schriften jedoch etwas anderes, nämlich daß nach fünftausend Jahren des Kali-Yugas ein Quantensprung stattfinden werde, durch den die Kali-Yuga-Umstände auf der Erde aufgehoben würden. Die Yugas sind große kosmische Zyklen (Divya-Yugas) und manifestieren sich auf der Erde in Zeitfraktalen (Unterzyklen). Die Kali-Yuga-Beschreibungen der vedischen Schriften beziehen sich auf die besagten fünftausend Jahre und nicht auf die Zeitspanne der 432’000 Jahre, die selbstverständlich keine lineare Zeitabfolge darstellen. Sri Yukeswar ignoriert mit seiner Theorie auch alle kosmologischen Bezüge der Yugas. Die vedischen Schriften sagen, daß unser Universum so lange existiere wie die Dauer von Brahmas Nacht und Tag (= 2 × 1000 Viererzyklen), wobei wir uns heute in der Hälfte von Brahmas Tag befinden. Wenn ein Viererzyklus nun 12’000 Jahre dauern würde, wie Sri Yukteswar sagt, dann wäre unser Universum erst etwa 18 Millionen Jahre alt. Auch Sri Yukteswars berühmtester Schüler, Paramahansa Yogananda, teilt dessen Yuga-Theorie nicht vorbehaltlos. In der Originalausgabe seiner Autobiographie eines Yogi (1946) hat er in Kapitel 16 eine Fußnote eingefügt, in der er explizit die großen Yuga-Zyklen anerkennt und dabei korrekt erklärt, daß ein Yuga ein „Weltall-Zyklus“ ist und daß der Ablauf der vier Yugas direkt mit der „Zeitdauer unseres in seiner gegenwärtigen Form bestehenden Planetensystems“ in Beziehung steht, während das „gegenwärtige Zeitalter“, das seit 5000 Jahren dauert, ein Unterzyklus im „Kali-Yuga“, „eines viel länger währenden Weltall-Zyklus“, darstellt: „Die Hinduschriften stellen das gegenwärtige Zeitalter in das Kali-Yuga eines viel länger währenden Weltall-Zyklus hinein, der nicht dem einfachen 24’000 Jahre währenden Zyklus entspricht, mit dem Sri Yukteswar sich befaßte. Der Zyklus eines Weltalls beträgt, den heiligen Schriften zufolge, 4’300’560’000 Jahre und stellt einen Tag der Schöpfung, d. h. die Zeitdauer unseres in seiner gegenwärtigen Form bestehenden Planetensystems, dar.“ (orig. 1946; dt. Otto Wilhelm Barth Verlag 1950; mit vielen Auflagen; neu z. B. im Hans Nietsch Verlag, 2007) Mit Respekt vor allen vedischen Lehrern und Sehern der letzten Jahrtausende dürfen wir hier also feststellen, daß sie nicht allesamt einer Fälschung aufgesessen sind und dies nicht gemerkt hätten. Wie die Erfahrung des letzten Jahrhunderts und der jetzigen Zeit zeigt, leben wir immer noch im dunklen Zeitalter, im Zeitalter von Gewalt und Lüge, und gehen auf dessen tiefsten Punkt zu, während sich parallel dazu der prophezeite Quantensprung anbahnt und abzeichnet. Wenn wir heute feststellen können, daß Sri Yukteswar eine nicht haltbare Yuga-Theorie aufgestellt hat, so soll dies in keiner Weise seine spirituelle Bedeutung schmälern. Sein Schüler Paramahansa Yogananda hat diesbezüglich bereits 1946 eine diskrete und respektvolle Relativierung bzw. Richtigstellung veröffentlicht. Aus: Armin Risi: Gott und die Götter – Das Mysterienwissen der vedischen Hochkultur, Govinda-Verlag 2007 (sechste, vollständig überarbeitete Auflage) Zusatzbemerkung Die Angabe der Sanskritschriften, daß das vierte Yuga 432’000 Jahre dauere, provoziert manchmal die Bemerkung, daß diese Angabe nicht stimmen könne, da wir jetzt doch in einer Wendezeit leben. Das ist jedoch eine falsche Verknüpfung von zwei verschiedenen Realitäten. Die großen Yugas sind kosmische Zyklen, die sich auf der Erde in verschiedenen Fraktalen spiegeln. Auch die Purana-Schriften sagen, daß 5000 Jahre nach dem Kali-Yuga-Anfang eine Wendezeit stattfindet. Auch der Maya-Kalender bestätigt die Realität dieser großen Zyklen und weist auf den gleichzeitigen Ablauf der großen Zyklen und der Unterzyklen hin. Der gegenwärtige Zyklus, der im Jahr 2012/13 zu Ende gehen wird, begann vor rund 5000 Jahren – was genau der indischen Angabe zum Beginn des „dunklen Zeitalters“ entspricht. Paramahansa Yogananda hat Sri Yuketswars Yuga-Theorie bereits sehr relativiert, denn 1946 war ihm klar, dass wir noch nicht im „eigentlichen Dvapara-Yuga“ leben. In gewissen SRF-Ausgaben der „Autobiographie“ haben Yukteswar-Yogananda-Fundamentalisten diese Fußnote einfach rausgenommen. Das spricht für sich! Nun stellt sich die Frage: Wie viele Yogananda-Anhänger sind Fundamentalisten, die an die materielle Unfehlbarkeit des Gurus glauben. Das tun ja nicht mal die Katholiken in bezug auf den Papst. Zumindest heute nicht mehr. Die heutige Wendezeit ist keine späte Bestätigung der Behauptung, das „eigentliche Dvapara-Yuga“ fange 1899 an. Denn 1899 begannen keine Dvapara-Yuga-Zustände. Und die vedische Prophezeiung spricht nicht von einem langsamen, evolutionären Übergang in ein Dvapara-Yuga, sondern von einem Quantensprung in eine Zeit, in der wieder satya-yuga-ähnliche Umstände herrschen werden. 1. Leserbrief 2. Leserbrief |