— Friedrich von
Schlegel (1800)
Die Schätze des Ostens sind uns mittlerweile
genauso zugänglich wie die des Altertums.
Doch bis heute ist aus dieser Quelle kaum
geschöpft worden, obwohl sie für jeden
Bereich des Lebens faszinierende, ja
revolutionäre Dimensionen eröffnet.
Armin Risis Gedichtband Der Kampf mit
dem Wertlosen ist eine
Rückbesinnung auf diese ursprünglichen
Quellen und Werte und beweist in ihrem Licht,
daß der Mensch heute, am Ende des 20.
Jahrhunderts, in einer Wert-losen Existenz
gefangen ist.
Wer sich die Zeit nimmt, auf die lyrischen
Meditationen dieses Buches einzugehen, wird
in sich selbst den Grenzen dieser
Gefangenschaft begegnen. Denn: „Erst wenn
sich ein Gefangner befreien will, merkt er,
daß er gefangen ist.“
Der Kampf mit
dem Wertlosen ist eine
Aufforderung zu dieser Befreiung, formuliert
mit geistreicher Sprache, tiefem Gedankengang
und erstaunlicher Vielseitigkeit des Stiles.
Eine einzigartige „indische“ Lektüre, die den
Leser herausfordert und herkömmliche Werte
hinterfragt.
Der
Körper
Öfters hatt’ ich mich gefragt,
Tief gefallen, tief verzagt:
Kann ich mich der Lust entreißen,
Erst wenn Not mich dazu zwingt?
Was dann, wenn, wie es verheißen,
In den Traum bald Schrecken dringt?
Gottgeweihte, wachet auf,
Seht des Karma Sündenhauf!
Wartet nicht, bis er zerbirst,
Und vom Grunde bis zum First
Jede Stadt in Trümmer geht.
Dann, o dann ist’s reichlich spät.
Dann ein Tod erschrickt uns wach.
Zeit, verlorne, ist verrannt.
Leichen unter offnem Dach,
Einige sind uns bekannt.
Seht den Dichter unter ihnen!
Tut, was er nun: Krsna dienen.
Sintflut
1
Vor Cäsar damals hinzutreten,
Hättest du’s gewagt?
Vor ihm die Wahrheit zu vertreten,
Hättest du’s gesagt?
„O Herr, ich sah schon viele Reiche,
Jedes kam und fiel.
Auch deinem Reich geschieht das gleiche,
Zeit fehlt nicht mehr viel!“
2
Bestimmt wär’ Cäsar bei solch Worten
Sehr in Wut entbrannt.
Doch was blieb heut’ von seinen Orten?
Nur noch Schutt und Sand.
Bestimmt fällt’s schwer zu akzeptieren,
Was ein andrer sagt,
Doch was als Mensch würd’ man verlieren,
Wenn man Höh’res fragt?
3
Drum frag ich jetzt: Ist es nicht wahr,
Sind wir nicht alle wie Cäsar?
Kleine Cäsars, zugegeben,
Sind wir nur in unsrem Leben;
Doch käm’ ein Fremdling, uns zu sagen,
Was wir täten, sei vergebens,
Würden wir’s mit Fassung tragen,
Diesen Schreck des Lebens?
4
Und doch auch droht des Cäsars Ende
Unsrem kleinen Reich.
Noch jeder starb mit jäher Wende –
Schicksals letzter Streich.
Drum werd nicht zornig bei der Mahnung
Vor der nahen Not!
Sei dankbar ob der Wahrheit Ahnung,
Die uns dient als Boot!
5
Was hast im Meer du zu verlieren,
Wo dir nichts gehört?
Willst du die Wellen denn verzieren,
Wo man dich beschwört:
Besteig das Boot und kehr nach innen,
Hülle ist stets tot!
Verlieren nie und nur gewinnen
Wirst du auf dem Boot.
Meine
Verweigerung
(Echnaton-Fragmente)
Entengleich folgen sie mir, die plötzlichen
Freunde der Jugend.
Niedere Günstlinge rief leider ich in meinen
Kreis.
Alle lügen und heucheln, selbst Könige,
menschenunwürdig.
Reichtum wollen sie nur, lichtlos bereit für
den Krieg.
Früher fuhrn sie mit hängenden Feinden als
Zeichen den Nil hoch.
Deutete keiner das Bild, um das Verhängnis zu
sehn?
Gottesdienst will ich vom Staat nicht trennen
und fördere jenen.
Lieber verlier ich mein Reich als meine Treue
zu Gott.
Ehrlichkeit, Macht und Erfolg sind in
heutiger Zeit selten Brüder.
Seltsam ist’s: Eine Welt liegt uns zu Füßen,
und doch
Murret das Volk. Das Erbe der Vorfahrn, durch
Kriege erlangt, scheint
Nicht zu genügen, und mehr Beutegold fordert
die Lust.
Aber wie Sand gibt es Gold in Ägypten, so
schreiben mir Fürsten.
Weshalb sucht dann das Volk ferne bei ihnen
nach Gold?
Unsere Bauten sind dünn und jene der Toten
gewaltig,
Bleibt der Erfolg uns versagt, nur weil die
Bürger nicht sehn?
Blinde folgen willfährig und wollen nun
wieder zum alten,
Längst Überwundnen zurück. Aber noch hab ich
die Macht,
Einziger Sohn meines Vaters, als Thronfolger
lange ersehnter,
Frucht meiner Eltern Gebet, ja einer ganzen
Nation.
Nun hat mir Aton, Seinem Geweihten, die Welt
übergeben.
Deshalb gelte mein Kampf göttlicher Ordnung
und Glück.
Aber ein Krieger war ich nie – dem Licht will
ich dienen.
… Wenn solch ein Pharao weint, weinet auch
Gott um die Welt.
Wo ist ein Land, ein altes, das Heimat und
Freunde mir bietet?
Leider kenn ich es nicht, und auch dies Land
kennt mich nicht.
Gotts Harmonie wird alles heilen, auch ohne
mein Handeln.
Gut ist letztlich die Welt; nur in Verstecken
herrscht Nacht.
Aber ich hab mich versteckt, und selbst wenn
ich nichts unternehme,
Finden Probleme mich doch. Holt mich die Zeit
wieder ein?
Jene Probleme, die sich nun stellen, nennen
die andern
Strafe des rächenden Gotts, weil ich mit
Götterdienst brach.
Aber ich weigre mich heute, Betrug mit
Betrognen zu spielen.
Wollen die Völker nicht, will wenigstens ich
Perfektion.
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